150 Jahre

 

1854 – 1873 Gründung und die Jahre im Erziehungshaus auf dem Telegraphen bei Anhausen"


Die Stiftung Evangelische Kinder- und Jugendhilfe Oberbieber,
wie Sie heute heißt, ist eine direkte Frucht des Aufbruchs der
„Inneren Mission", den Johann Hinrich Wichern mit seiner
Rede auf dem Wittenberger Kirchentag 1848 eingeleitet hat.
Nach diesem Aufbruch dauerte es noch einige Jahre, bis
1854 die Teilnehmer der evangelischen Pastorenkonferenz zu
Jahrsfeld beschließen für die Kreissynode Wied, eine Erziehungs-
anstalt zu gründen. Hierzu wurde die kurz zuvor stillgelegte
optische Telegraphenstation auf einer Anhöhe bei Anhausen in           
Betracht gezogen.                                                                                               

Am 15. November 1854 wurde von König Friedrich Wilhelm IV eine Schenkungsurkunde erlassen so-
wie eine einmalige Spende von 500 Talern zur Verfügung gestellt. Die Einrichtung trug den Namen
Erziehungshaus auf dem Telegraphen bei Anhausen".

Nach einigen Umbauarbeiten wurde das Erziehungshaus mit 14 Betten am 13.02.1856 eröffnet. Der
vorzeitig pensionierte Lehrer Johannes Peter Schmidt (geb. 1817, Schullehrer zu Rüscheid von 1842 –
1855) übernahm die Stelle des Hausvaters. Am Eröffnungstag wurde der erste Junge, Georg Hilde-
brand aus Neuwied, aufgenommen. Ein weiterer Zögling, Friedrich Krey, geht aus Rechnungen der
Gemeinde Anhausen hervor, die in den Jahren 1859 bis 1865 Verpflegungsgeld an das Erziehungs-
haus entrichteten.

Die 14 Betten waren nicht ständig belegt – nur die Jahre 1860 und 1872 erreichten die geplante
Belegung. Der damalige Tagessatz von 25 Pfennigen entsprach einem Jahresbetrag von 30 Talern.
In den ersten „Statuten des Erziehungsvereins in der Synode Wied" von 1857 heißt es, dass sich der
Verein bemühen wird, die Klagen über die Zunahme der Collekten nicht ohne dringende Noth zu
vermehren
", lässt darauf schließen, dass das „Erziehungshaus" vorwiegend von Spenden abhängig
war.

Die Jahre 1854 – 1873 waren Jahre bitterster Armut, in denen der Erhalt des Erziehungshauses mehr-
fach auf der Kippe stand. Zu jener Zeit waren die meisten Erziehungsheime in der Rheinprovinz,
Stiftungen mit Haus, Hof und Feld. Das Leben im „Telegraphen" beschränkte sich vorerst auf die vier
Wände. Dies änderte sich im Jahr 1857 als die Erziehungsanstalt ein Stück Ödland in unmittelbarer
Nähe für 15 Taler von der Gemeinde Anhausen kaufte. Das lebensnotwendige Wasser wurde vom
Dorfbrunnen, der mehr als ein Kilometer entfernt war, herangeschleppt. Auch die Güter des täglichen
Bedarfes waren für die Heimbewohner nicht ausreichend vorhanden. Die medizinische Versorgung
übernahm der Neuwieder Arzt Dr. Schacht. Er behandelte die kranken Heimbewohner ohne Anspruch
auf Bezahlung. Einigen Mitgliedern der Synodalkörperschaft ist es zu verdanken, dass das Heim fortbe-
stehen konnte. Hierzu gehörten der ehemalige Landrat Hans Karl Heuberger, der Neuwieder Rentner
Haupt und der Bürgermeister Reinhard aus Heddesdorf. Im März 1858 wurden verschiedene Beträge
aus Sammelbüchsen von Superintendent Maaß, Bürgermeister Raiffeisen sowie einiger anderer Bürger
durch Herrn Landrat Heuberger in die Kasse des Erziehungshauses „Telegraph" bei Anhausen eingezahlt.

Durch diese Spendengelder stand der Anschaffung einer Wasserpumpe oder eines Ziehbrunnens für die
angelegte Wasserzisterne, die man durch die Drainage des Feldes angelegt hatte, nichts mehr im Wege.
Der Wunsch des Hausvaters, eine zweite Kuh anschaffen zu können, konnte durch die vorrangige Dring-
lichkeit der Wasserpumpe nicht entsprochen werden. Doch durch den unermüdlichen Sammeleifer von
Landrat Heuberger konnte der Vorstand des Heimes im Mai 1858 den Ankauf einer Kuh beschließen.
Im Jahr 1873 wurde der Hausvater Schmidt durch den Dekan Nikolaus Fischer, der in einer staatlichen
Erziehungsstätte viele praktische Erfahrungen erworben hatte, abgelöst.
 

1873/1874 Umzug nach Oberbieber in die Wehrfritzsche Papiermühle

Enorme politische Umwälzungen ab 1870 und die                   
Gründung des Deutschen Reiches hatten direkte
Auswirkungen auf die Erziehungsanstalt. Zum einen
gab es geänderte wirtschaftliche Voraussetzungen
und auch die Zahl der Bedürftigen infolge der Kriege
stieg an. Das mittlerweile viel zu kleine und völlig un-
geeignete Telegraphenhaus in Anhausen erforderte      
eine schnelle Reaktion der Kreissynode Wied. Die Zahl der Kinder pendelte sich bereits bei 30 Jungen stabil ein.
So wurde am 23.12.1873 die Wehrfritzsche Papiermühle in Oberbieber für 7000 Taler gekauft und am 02.03.1874
bezogen. Der Erwerb war nur durch große Geldspenden umsetzbar, u. a. auch eine anlässlich der Geburt des
Erbprinzen zu Wied. Die erworbene Papiermühle ist auch heute noch der zentrale Mittelpunkt des Geländes
unserer Einrichtung in Oberbieber. Das Telegraphenhaus wurde an C. Deimling aus Heddesdorf veräußert und
diente bis es abbrannte als Wohnhaus.
 

1874 – 1933 Wachstum und Wandel

Die Jahre nach dem Umzug brachten kontinuierliches Wachstum. Zugleich veränderte sich der Charakter der
„Heimerziehung" insgesamt und damit der Charakter unseres Heimes. Zunächst erhielt die Erziehungsanstalt am
26.05.1877 die Rechte einer juristischen Person. Die Leitung der Einrichtung liegt seit diesem Datum nicht mehr bei
der Synode Wied, sondern bei einem Vorstand, der zunächst 12 Mitglieder hatte. Gleichzeitig wurde das Angebot
dahingehend erweitert, dass ab dem 06. 08. 1878 auch Kinder in Familienerziehung gebracht werden konnten.
Dies galt auch für Mädchen, obwohl die ersten Mädchen tatsächlich erst ab 1910 aufgenommen wurden. Einen
weiteren Belegungsschub brachte der Umstand, dass ab 1878 durch das „Zwangserziehungsgesetz" die Jugend-
hilfe auch ein rechtliches Fundament bekam. Nun konnten Kinder und Jugendliche auch behördlich, aufgrund
eines Gerichtsbeschlusses, eingewiesen werden. Der Begriff der „Zwangserziehung" wurde im Jahr 1900 durch den
Begriff der „Fürsorgeerziehung" abgemildert. Die zunehmende Nachfrage nach Erziehungsmaßnahmen führte da-
zu, dass 1898 der tägliche Pflegesatz auf 64,5 Pfennige stieg und dass1906 bis zu 65 Jugendliche betreut wurden.
Die Verhältnisse waren schlicht, aber nicht mehr - wie in den Anfangstagen - ärmlich.

Ab 1909 wurde die Erziehungsanstalt in Oberbieber
dann zum „Sammel- und Auffangheim" des ev. Pflege-
kinderwesens für das gesamte Rheinland, was eine un-
geheure Nachfrage mit sich brachte. Daher wurden
auch spezielle Gruppen für Mädchen und für Kleinkin-
der eingerichtet. Weitere Gebäude wurden, vor allem
in Rengsdorf, gekauft, so dass 1923 bereits 240 Kinder
betreut wurden. Allerdings wurden diese Kinder von
Oberbieber aus zügig in Pflegefamilien weiter vermittelt,
die Einrichtung war eigentlich nur noch eine Art Durchgangsheim. Seine höchste Belegung erlebte die Einrichtung
1929, als ungefähr 2500 Kinder im Rahmen der „evangelischen Familienerziehung" in Pflegefamilien betreut wurden.

 

1933 – 1945 Dunkle Jahre

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten begann ein erheblicher Druck auf die christlich ausgerichtete Heim-
erziehung. Von Seiten des Staates bestand ein großes Interesse daran, die „erbgesunden" Kinder und Jugendlichen
in die staatlichen Jugendorganisationen einzugliedern, um sie entsprechend politisch zu beeinflussen. Dies führte da-
zu, dass der Handlungsspielraum für die Heimerziehung immer kleiner wurde. Einschüchterungen, Verhöre und sogar
die Durchsuchung des Zimmers des Direktors waren an der Tagesordnung. Nachdem schließlich 1939 die „Zentral-
stelle für ev. Familienerziehung" aufgelöst wurde, war die Einrichtung faktisch nur noch ein Durchgangsheim. Noch
einschneidender war, dass die Kinder und Jugendlichen, die nicht als „erbgesund" galten, im Zuge der nationalso-
zialistischen Rassenpolitik als unwertes Leben galten. Hier kam es vor allem zu Zwangssterilisationen in erheblichem
Umfang. Allein in den rheinischen Heimen gab es 526 dokumentierte Eingriffe. Dabei erteilten die Verantwortlichen
ihre Zustimmung in der Regel ohne größeren Protest. Die Sterilisation wurde als zu bringendes Opfer verklärt. Zu die-
ser Zeit gab es auch viele Widerständler des Regimes, die versuchten, mit allen Mitteln den schrecklichen Gescheh-
nissen entgegenzuwirken. Unsere Einrichtung gehörte, wie viele in dieser Zeit, nicht zu den aktiven Gegnern der
Nationalsozialisten.

 

1945 – 2006 Aufbau und Ausbau

Nach dem 2. Weltkrieg war zunächst einmal ein Wiederaufbau der zerstörten Gebäude nötig. Die Schäden waren
so groß, dass Jugendliche, die in den oberen Stockwerken schliefen, mit einem Regenschirm ins Bett gehen mussten,
um nicht völlig durchweicht zu werden.
Fensterscheiben gab es gar nicht mehr in den Wintermonaten musste vor
Schulbeginn erst einmal Holz gesammelt werden, damit die Klassenräume der am 20.05.1937 anerkannten Privat-
schule des Kinder- und Jugendheimes,
überhaupt notdürftig beheizt werden konnten.

Im Zuge dieses Neubeginns wurde das Bestehende
nicht nur wiederhergestellt, sondern auch durch die
Errichtung und den Erwerb neuer Gebäude das Angebot
erweitert. Es wurden Häuser in der nahe gelegenen Ge-
meinde Rengsdorf erworden, und in den 60ziger Jahren
wurden die Gruppenhäuser und die Aula in Oberbieber
gebaut.

Die gewaltigen Umwälzungen, die alle Geisteswissenschaften in den Jahren nach 1968 erfahren haben, hatten
natürlich auch erhebliche Auswirkungen auf die pädagogische Arbeit in der Heimerziehung und somit auch für
unsere Einrichtung. Der Anspruch der Erziehungshilfe wurde größer, Professionalisierung und Differenzierung der
Arbeit wurde notwendig. Die Einrichtung erwarb 1971 am Heddesdorfer Berg ein Fernfahrerrasthaus, um schul-
entlassene Jungen dort unterzubringen. Mit dem Bau einer Turn- und Schwimmhalle im Jahr 1974 wurde das
sportliche Angebot für die Gruppen und die Schule erweitert. Mitte der 70iger Jahre konnte ein Resthof in
Oberraden gekauft werden, um in der ländlichen Gegend Kinder unterzubringen. Anfang der 80ziger Jahre
entstanden Werkstätten in Oberbieber, sodass hier verschiedene Ausbildungsberufe erlernt werden konnten,
sowie weitere differenzierte pädagogische Angebote in Tages- und Familiengruppen. Erstmalig ergänzten
auch koedukative (beidgeschlechtliche) Gruppen die pädagogische Palette der Ev. Kinder– und Jugendhilfe
Oberbieber. Die bestehende Heimschule (seit 1955 Paul-Schneider-Schule) wurde 1983/1984 erweitert und um-
gebaut., zudem ein ehemaliges Hotel „Haus Waldperle" in Hardert gekauft, um eine weitere Außenwohngruppe
eröffnen zu können. Im Wandel der Zeit, besonders in den Jahren ab 1985 bis heute wurden einige Gebäude
wieder veräußert, einem anderen Zweck zugeführt oder abgerissen, um den Erfordernissen in der Entwicklung
der erzieherischen Hilfen und der Einrichtung mit Ihrem Stiftungszweck gerecht zu werden.

Mit Inkrafttreten einer neuen Satzung im Jahr 2004 ist der Name der Einrichtung Ev. Kinder- u. Jugendhilfe Oberbieber
dieser Entwicklung gefolgt.

Gabriela Butz, Verwaltungsleiterin